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Ökosystemleistungen von Bäumen – warum die Sauerstoffproduktion (fast) keine ist

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Ein grosser Baum produziert Sauerstoff für zehn, zwanzig oder sogar fünfzig Menschen – zumindest, wenn man manchen Angaben im Internet und der Zeitung glaubt. Solche Zahlen klingen eindrücklich und eignen sich hervorragend, um für Stadtbäume zu werben. Nur: Sie sind meist viel zu hoch angesetzt. Dabei haben Bäume solche Übertreibungen gar nicht nötig. Ihre tatsächlichen Leistungen sind beeindruckend genug.

Bäume im urbanen Raum erbringen eine Vielzahl sogenannter Ökosystemleistungen. Damit sind Leistungen oder Vorteile gemeint, die Menschen aus funktionierenden Ökosystemen beziehen. Dazu gehören beispielsweise die Bereitstellung von Trinkwasser, die Regulierung des Klimas oder der Schutz vor Naturgefahren. Viele dieser Leistungen entstehen ohne unser Zutun – und umsonst.

Werden Ökosysteme geschädigt, können auch ihre Funktionen und damit ihre Leistungen für den Menschen beeinträchtigt werden. Umgekehrt profitieren wir davon, wenn wir funktionierende Ökosysteme erhalten und fördern – gerade auch in dicht besiedelten urbanen Räumen.

In diesem Zusammenhang hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend der Begriff der «Grünen Infrastruktur» etabliert. Er macht deutlich, dass Grünräume und Stadtbäume nicht bloss gestalterische Elemente sind, sondern wichtige Funktionen in einer Stadt übernehmen können. Ihre Leistungen lassen sich dadurch teilweise auch quantifizieren und monetär bewerten.

Damit verändert sich auch der Blick auf Stadtbäume. Sie sind nicht einfach grüne Objekte, die «ein bisschen Schatten spenden», sondern können technische, sogenannte graue Infrastruktur ergänzen oder teilweise ersetzen. Ein Beispiel ist der Umgang mit Regenwasser: Bäume halten Niederschlag zurück, fördern die Versickerung und können dadurch Entwässerungssysteme entlasten.

Besonders häufig hervorgehoben werden neben Schatten und Kühlung auch die Speicherung von Kohlenstoff und die Produktion von Sauerstoff. Gerade bei Letzterer mahnt die Wissenschaft allerdings schon seit Längerem zur Zurückhaltung.

Der Gedanken- beziehungsweise Rechenfehler

Wie aber kann die Sauerstoffproduktion weniger relevant sein, wenn ein einzelner Baum angeblich den Sauerstoffbedarf mehrerer Menschen decken kann?

Im Internet und populärwissenschaftlicher Literatur kursieren beeindruckende Angaben. So wird etwa behauptet, ein Baum könne rund 10 bis 13 kg Sauerstoff pro Tag bereitstellen und so genügend Sauerstoff für elf Menschen produzieren. Wieder andere Angaben gehen von rund 1,7 Kilogramm (1200 Liter) Sauerstoffproduktion pro Stunde aus, was dem Verbrauch von rund 50 Menschen entspreche (Portmann 2025; Greenpeace, o. J.; vgl. Bilder unten).

Das klingt eindrücklich – ist aber problematisch. Die Deutsche Presse-Agentur widmete solchen Angaben 2023 sogar einen Faktencheck und kam zum Schluss, dass verbreitete Zahlen zur CO₂-Bindung und Sauerstoffproduktion alter Buchen deutlich zu hoch angesetzt sind (dpa 2023).

Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass bei vereinfachten Berechnungen häufig nur die Photosynthese betrachtet wird. Ein Baum produziert zwar Sauerstoff, verbraucht gleichzeitig aber selbst welchen für seine Atmung. Hinzu kommt: Die Jahresleistung ist grossen Schwankungen unterworfen und Bäume weisen nur während relativ kurzer Zeit ein stärkeres Wachstum, Fixierung von Kohlenstoff und somit Produktion von Sauerstoff auf.

Für die langfristige Bilanz ist folglich nicht die Brutto-Photosynthese entscheidend, sondern die Netto-Kohlenstoffbindung. Und neben dem Verbrauch bei der Eigenatmung wird auch bei der Zersetzung abgestorbener Biomasse wieder Sauerstoff verbraucht und Kohlenstoff freigesetzt. Gerade bei älteren Bäumen nimmt dieser Vorgang stetig zu.

Wie viel Sauerstoff produziert ein Stadtbaum nun tatsächlich?

Da Bäume nur in einem relativ kurzen Zeitfenster intensiv in ihr Wachstum investieren, können dabei tatsächlich hohe Tageswerte herauskommen. Diese sind für einen einzelnen Baum aufgrund der Vielzahl an Einflussfaktoren jedoch kaum fassbar, korrespondieren kurzzeitig aber vielleicht sogar mit den oben genannten hohen Werten. Über einen Zeitraum von einem Jahr gesehen, sind diese Werte jedoch irrelevant.

Für den Baumbestand der Stadt Dresden mit rund 53’000 Bäumen wurde eine durchschnittliche jährliche Sauerstoffproduktion von etwa 33 Kilogramm pro Baum berechnet (Grunewald 2023, S. 50). Eine Untersuchung von 375 Stadtbäumen in Winterthur kam mit durchschnittlich rund 44 Kilogramm pro Baum und Jahr auf eine ähnliche Grössenordnung (Müller 2021, S. 27, vgl. Bild unten).

Solche Durchschnittswerte dürfen natürlich nicht auf einen grossen Altbaum übertragen werden. Stadtbaumbestände umfassen meist überproportional viele junge und kleine Bäume, deren Biomasse und damit auch ihre absolute Leistung deutlich geringer ist.

Im bereits erwähnten Faktencheck der dpa wird für eine 100-jährige Buche eine jährliche Sauerstoffproduktion von rund 160 Kilogramm angegeben (dpa 2023). Auch Modellierungen mit i-Tree, einer international verbreiteten Software zur Quantifizierung von Baumleistungen, bewegen sich in einer vergleichbaren Grössenordnung. Für eine Buche mit einem Stammdurchmesser von 80 Zentimetern ergibt sich bei einer jährlichen Kohlenstoffspeicherung von rund 31 Kilogramm eine Sauerstoffproduktion von gut 85 Kilogramm.

Dies passt zu den Berechnungen von Nowak et al. (2007). Je nach Grösse des Baumes ermittelten sie Netto-Sauerstoffproduktionen von ungefähr 3 bis 100 Kilogramm pro Jahr. Zum Vergleich: Der jährliche Sauerstoffbedarf eines erwachsenen Menschen liegt bei etwa 250 bis 350 Kilogramm.

Selbst ein grosser Baum kann somit nicht annähernd den Sauerstoffbedarf von zehn oder fünfzig Menschen decken. Je nach verwendeter Berechnung entspricht seine jährliche Netto-Produktion vielmehr einem Anteil des Sauerstoffbedarfs einer einzigen Person.

Sauerstoff ist nicht das beste Argument für Stadtbäume

Bäume sind unter dem Strich Netto-Sauerstoffproduzenten. Die tatsächliche Leistung beträgt jedoch häufig nur einen Bruchteil jener Werte, mit denen öffentlich für sie geworben wird.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Stadtbäume wenig leisten. Im Gegenteil: Es zeigt vielmehr, dass Sauerstoffproduktion das falsche Argument für die richtigen Bäume ist. Dies gerade auch bei den vielbeworbenen Altbäumen, die aufgrund der zunehmenden Zersetzungsprozesse kaum mehr Netto-Sauerstoffproduzenten sind.

Die Software i-Tree setzt den monetären Wert der Sauerstoffproduktion deshalb mit 0 Dollar pro Tonne an. Nowak et al. (2007) schätzten zwar, dass Stadtbäume in den USA jährlich rund 61 Millionen Tonnen Sauerstoff produzieren. Gleichzeitig kamen sie ausdrücklich zum Schluss, dass diese Leistung im Vergleich zu anderen Wirkungen von Stadtbäumen «relatively insignificant and of negligible value» sei – also von vergleichsweise geringer Bedeutung und praktisch vernachlässigbarem Wert.

Auch der bekannte deutsche Baumforscher Andreas Roloff meint, die Sauerstoffproduktion «…sollte als Argument für Stadtbäume besser nicht verwendet werden, da auch Nichtfachleute irgendwann die Irreführung bemerken, und dann hat man als Vertreter einer solchen Aussage Vertrauen verloren» (Roloff, 2013, S. 21).

Bäume brauchen keine Superlative

Dass ein Stadtbaum nicht den Sauerstoff für zehn oder fünfzig Menschen produziert, macht ihn nicht weniger wertvoll. Bäume kühlen aufgeheizte Strassen und Plätze. Sie spenden Schatten, verdunsten Wasser, speichern Kohlenstoff, halten Niederschlag zurück, bieten Lebensraum und prägen die Qualität unserer Stadträume. Gerade angesichts zunehmender Hitze und dichter werdender Städte sind viele dieser Leistungen von grosser Bedeutung.

Wer für Stadtbäume argumentieren will, muss ihre Leistungen deshalb nicht überhöhen. Im Gegenteil: Gute Argumente werden stärker, wenn sie wissenschaftlich belastbar sind.

Deutsche Presse-Agentur (dpa) (2023): CO2 und Sauerstoff. Angaben zu Gasen bei 100-jährigen Buchen viel zu hoch gegriffen. dpa-Faktenchecking, 10. November 2023

Greenpeace Weilheim (o. J.): 1.200 Liter Sauerstoff produziert ein Baum pro Stunde. Greenpeace Weilheim.

Grunewald, Karsten; Bastian, Olaf (Hrsg.) (2023): Ökosystemleistungen – Konzept, Methoden, Bewertungs- und Steuerungsansätze. 2., überarbeitete Auflage. Heidelberg: Springer Spektrum. DOI: 10.1007/978-3-662-65916-8

Müller, Joël (2021): Wert & Leistungen der Winterthurer Stadtbäume und wie diese in Zukunft nachhaltig gesichert werden können. Bachelorarbeit. Wädenswil: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen.

Nowak, David J.; Hoehn, Robert; Crane, Daniel E. (2007): Oxygen production by urban trees in the United States. In: Arboriculture & Urban Forestry, 33(3), S. 220–226.

Portmann, Sandro (2025): «Die Bäume sind mit keinem Geld der Welt zu kompensieren». In: Winterthurer Zeitung, 25. September 2025.

Roloff (2013): Bäume in der Stadt. Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer